Herzberg, 4. November 2016

Nachricht

Idealbilder zerbrechen nicht selten an der Wirklichkeit

Bei der Sitzung des Kirchenkreistages ging es vor allem um Zukunftsfähigkeit von Kirche

Entscheidungen
Bei der Kirchenkreistagssitzung standen einige Entscheidungen an

Vor einigen Jahrzehnten gab es das Bild des Pastors, der jeden in seiner Gemeinde genau kannte, bei Hausbesuchen immer genau das richtige sagte, um seine Schäfchen wieder auf den richtigen Weg zu bringen, und als Ansprechpartner für alle Lebenslagen zur Verfügung stand. Dieses Bild greift heute nicht mehr. Doch es hatte auch damals nur zum Teil etwas mit der Realität zu tun, machte Superintendent Volkmar Keil bei der jüngsten Kirchenkreistagssitzung am Freitag in Herzberg deutlich.

Den Pastor, der nur für ein Dorf zuständig und dort immer präsent ist, gibt es heute nicht mehr. Und auch damals hatten die Hausbesuche durchaus etwas mit Kontrolle zu tun und der Pfarrer war nicht selten auch eine strenge Respektsperson, vor der man zitterte. „Früher war nicht alles besser“, stellte Keil fest, „wer das sagt, verklärt die Vergangenheit und übersieht eine Fülle positiver Entwicklungen der Gegenwart.“

Mit seinem Exkurs über Pastorenbilder spielte Keil auf den sogenannten Perspektivprozess an, in dem die Regionen im Kirchenkreis sich neu und zukunftsfähig aufzustellen versuchen. Es geht darum, Wege zu finden, wie Gemeinden die demografische Entwicklung und den drohenden Pastorenmangel auffangen können. Pastor Dr. Uwe Brinkmann informierte über die bisherigen Ergebnisse dieses Prozesses. In den Regionen vom Eichsfeld bis in den Oberharz und vom Alten Amt bis in die Bäderregion haben sich Gruppen zusammengesetzt und in einer Innen- wie Außensicht herausgestellt, was die Regionen ausmacht und wie man auf die Sparvorgaben der Landeskirche bei den künftigen Stellenplanungen reagieren könnte.

„Es gibt viele Denkansätze, wie weniger Pastorenstellen ausgeglichen werden können, mit diesen Ideen wird nun weitergearbeitet“, erläuterte Brinkmann. Zunächst seien nun also die unterschiedlichen Bedürfnisse ermittelt worden, darauf aufbauend erstellen Fachgruppen die Grundlage für einen Stellenplanungsentwurf und erst im kommenden Jahr geht es dann um konkrete Entscheidungen.

Doch auch in dieser Sitzung standen einige Entscheidungen auf der Tagesordnung. So wurde beispielsweise für eine höhere Vergütung der Diakonstellen votiert, die aus einer tariflichen Einigung resultiert. Weiterhin für eine neu einzurichtende Stelle im Kirchenkreisamt, mit der man dem höheren Bürokratieaufwand auffangen will und eine Stelle im EDV-Bereich, die ebenfalls notwendig ist, um mit der Zeit Schritt zu halten.

Außerdem wurde über die mittelfristig anstehende Fusion der Kirchenkreisämter Osterode (Kirchenkreis Harzer Land) und Northeim (Kirchenkreis Leine-Solling) informiert, die ebenfalls mit der Zukunftsfähigkeit der Verwaltungseinheiten zu tun hat und auf einem guten Weg ist. Auch sie wird wohl in Idealbildern von Kirche niemals auftauchen, da sie mit der Erlebniswelt durchschnittlicher Gemeindeglieder relativ wenig zu tun hat.

Umso mehr stoßen die in ihrem Alltag aber immer wieder auf Flüchtlinge in Deutschland und deren kleinere und größere Probleme mit unsere Regeln und Gepflogenheiten. Mag die Zahl derer, die neu ankommen, auch deutlich gesunken sein, gerade jetzt zeigt sich in allen Gemeinden, wie gut es gelingt, die Menschen aus aller Welt hier zu integrieren. Der Kirchenkreis Harzer Land schuf eine Stelle für Flüchtlingssozialarbeit, die mit Dana Pruss besetzt werden konnte. Bei der Sitzung zog sie eine erste Bilanz ihrer Arbeit, erzählte von ihrem Austausch mit Ehrenamtlichen, von Sprachlerngruppen, die zu freundschaftlichen Treffen heranreiften und von einem zukünftigen Projekt für Flüchtlinge und Ehrenamtliche, bei dem es um den Umgang mit Traumata gehen soll.

Nicht zuletzt wies Pastor André Dittmann noch einmal auf das bevorstehende Luther-Jahr hin, das im Kirchenkreis mit dem Happening zum Motto „Danke, Martin!“ vom 1. bis 3. September 2017 in Osterode gefeiert wird. Natürlich sind hier auch die Kirchengemeinden und Einrichtungen eingebunden und werden gebeten sich mit dem, was sie ausmacht, zu präsentieren. „Wir wollen Offenheit und Dialogbereitschaft symbolisieren“, sagte Dittmann, „es soll deutlich werden, was für ein bunter Haufen wir im Kirchenkreis sind, und nicht nur ein bunter, sondern auch ein guter.“ Bleibt also zu hoffen, dass das einmal das Bild ist, das sich in die Erinnerung der Menschen eingebrannt hat.

Christian Dolle