Wollershausen, 29. April 2017

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Mein Fahrrad ist auch dein Fahrrad

Anna und Farshad Najafi erzählten beim Gemeindenachmittag in Wollershausen über den Iran

Anna und Farshad Najafi mit Pastor Jens-Arne Edelmann

„Die Zeit ist im Iran ohne Bedeutung. Sie war schon immer da“, erklärte Anna Najafi am Mittwoch bei einem etwas anderen Gemeindenachmittag in Wollershausen und hatte damit die Lacher von 19 Seniorinnen und einem Senioren auf ihrer Seite. Denn sie und ihr Mann Farshad, aus dem Iran geflohen und bereits in der evangelischen Kirchengemeinde des Dorfes getauft, waren an diesem Nachmittag im Haus der Begegnung die Hauptreferenten. Sie erzählten viel über den Alltag und die Kultur im Iran und zeigten viele Bilder aus ihrem Heimatland. So zum Beispiel, dass die Islamische Republik Iran 82,8 Millionen Einwohner hat. „Fast wie in Deutschland“, kommentierte Jens-Arne Edelmann, Pastor in Gieboldehausen und Wollershausen, der diesen besonderen Vortragsnachmittag zusammen mit seinem Gemeindeteam vorbereitet hatte. Kaffee, Kuchen und ein frühlingshaft dekorierter Tisch gehörten ebenfalls dazu. Und wie es sich gehört, sangen auch alle gemeinsam einige Volks- und Kinderlieder wie „Jetzt fahrn wir übern See“ und ein Lied in Farsi – Gemeindenachmittag eben einmal anders! Aber zurück zum Iran. Im Laufe des Nachmittags wurden weitere Parallelen deutlich: Zum Beispiel, dass die Iraner viel Zeit im Freien verbringen und gerne auf den Wiesen picknicken. „Wie wenn wir hier zelten“, kommentierte eine Dame. Und ihre Nachbarin ergänzte: „Ja, oder wie in den Parks der Großstädte.“ Ähnlich ist auch, dass die Familien unterschiedlich religiöse Ausprägungen haben. „In der Öffentlichkeit müssen die Frauen laut Gesetz ein Kopftuch tragen. Auch beim Sport und selbst beim Schwimmen“, erklärte Farshad Najafi, der genau wie seine Frau schon fleißig Deutsch gelernt hat und vor kurzem seine B1-Prüfung der Volkshochschule in Duderstadt erfolgreich bestand. In den eigenen vier Wänden handhaben die Iraner das Tragen des Kopftuches unterschiedlich. „Manche Familien sind traditionell, andere sehr religiös, wieder andere sehr modern eingestellt“, verdeutlichte die 28-jährige Anna. Sie habe in ihrer Familie kein Kopftuch getragen, nur in der Öffentlichkeit, deshalb sei ihr die Umstellung in Deutschland nicht schwer gefallen. Die beiden verdeutlichten die Geschichte des Kopftuchs im Iran von 1910 bis heute sehr anschaulich anhand eines Videos. „Ballspiele wie Fußball und Volleyball dürfen nicht von Frauen besucht werden“, ergänzte Farshad. Das sorgte für Unverständnis bei den Senioren. „Aber selbst spielen dürfen die Frauen?“, fragte eine Dame. „Ja, das schon. Aber Männer und Frauen getrennt“, folgte die Antwort. Natürlich ließen die beiden Referenten kulturelle Traditionen wie das persische Neujahr „Nouruz“ oder die Höflichkeitsgebote des „Taarof“ nicht aus. „Mein Fahrrad ist dein Fahrrad“, hieß es dazu anschaulich in einem Video. „Jetzt kommen wir zum leckeren Teil: dem persischen Essen“, kommentierte Anna. „Wir essen alles mit Reis. Und viel Fleisch – außer Schwein“, ergänzte der 28-jährige Farshad. Ob sie oft Heimweh hätten, fragte eine Dame zum Schluss. „Ja natürlich – wir haben alle unsere Verwandten dort. Wir haben immer Heimweh“, erklärten Anna und Farshad traurig lächelnd. „Aber zurück können wir auch nicht – auch nicht die Familie nach Deutschland einladen.“ Deshalb hoffen die beiden auf eine bessere Internetverbindung im Dorf. Im Regenbogenhaus in Gieboldehausen sei bereits ein Hotspot eingerichtet, spendete der Pastor Trost, bevor er den beiden Geflüchteten als Dankeschön für ihren gelungenen Vortrag eine Bibel mit altem und neuem Testament überreichte, die sich die beiden gewünscht hatten. Wie dieser besondere Gemeindenachmittag bei den Teilnehmern ankam? Großartig! Eine Fortsetzung ist bereits in Planung. „Wir müssen alle aktiv sein, wenn wir es ernst meinen mit der Integration“, erklärten Gerda Koch und Inge Wernicke. „Alles was unbekannt ist, macht erstmal Angst. Für die Integration ist es wichtig, dass man sich informiert und miteinander ins Gespräch kommt“, ergänzte Inge Wernicke. Und Gerda Koch stellte fest: „Ich finde hier klappt’s aber auch in Wollershausen!“

 

Foto und Text:Mareike Spillner