Eisdorf, 19. Mai 2017

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Rückkehr ist keine Option

Während seines Praktikums berichtete Hassan Ahmed von der Sorge seiner Familie

Während seines Praktikums tauchte er tief ein in die deutsche Kultur

Hassan Ahmed ist 15 und floh vor knapp zwei Jahren mit seiner Familie aus seiner Heimat Bagdad. Er kam ins Harzer Land, lebt heute mit seinen Eltern und Geschwistern in Eisdorf, besucht die Oberschule in Badenhausen, spielt Fußball. Er hat sich inzwischen hier eingelebt und machte kürzlich ein Praktikum beim lokalen Internetmagazin „Eseltreiber“. Weil ihn der Journalismus interessiert, weil er seine Deutschkenntnisse noch weiter verbessern will und weil er sich für Fotografie begeistert.

Die Arbeit dort machte ihm von Anfang an Spaß und beim Team kam er als Verstärkung gut an. „Ich habe schnell festgestellt, dass Hassan sich für die deutsche Sprache und ihre Feinheiten interessiert, das war für beide Seiten fruchtbar“, sagt Eseltreiber-Chefin Corina Bialek. Zudem wollte der Jugendliche alles mitnehmen, was sich bot, lief aktiv beim Osteroder Altstadtlauf mit (und erreichte sogar eine gute Platzierung), und zeigte während eines Termins über eine Firmengründung einige Kartentricks, so dass er spontan für den Eröffnungstag eingeladen wurde, um diese vorzuführen. Beim Jubiläum zum 800-jährigen Bestehen der Schlosskirche machte er zahlreiche Fotos und entdeckte insbesondere beim anschließenden Musical „Die Zauberflöte“ sein Interesse für abendländische Kultur. Mehr Integration geht nicht.

Auf einer Rückfahrt nach Hause erzählte er dann von seiner früheren Heimat Irak, vom Krieg dort und von der Angst, jetzt dorthin zurück zu müssen. Tatsächlich droht Familie Ahmed die Abschiebung, wie Hassans älterer Bruder Haider und sein Vater Ahmed bestätigen. Ihren Asylantrag haben sie in Friedland gestellt, er wurde abgelehnt.

Einen wirklichen Grund dafür kennen sie nicht, sie glauben, dass der Übersetzer bei der Anhörung einige Fehler machte, die ihnen jetzt zum Verhängnis werden. „Wir hatten es gut in Bagdad, doch ich habe dort alles verloren“, erzählt Ahmed Ahmed. Er selbst hat als Elektriker gearbeitet, seine Frau als Lehrerin. Der älteste Sohn Haider hatte gerade mit einem Lehramtsstudium begonnen. „Dort, wo wir lebten, hat zwar der IS keinen Einfluss, dafür aber andere Gruppierungen, die nicht weniger schlimm sind“, berichtet er, „es sterben dort jeden Tag Menschen.“

Aus Angst um ihr Leben und die Kinder nahmen sie zunächst zu dritt die Flucht übers Mittelmeer nach Europa auf sich und holten die vier weiteren Familienmitglieder dann nach. Inzwischen machen Ahmed und seine Frau hier ihre Sprachkurse, die jüngeren Kinder gehen zur Schule und Haider ist nach Hildesheim gezogen, wo er darauf hofft, sein Studium fortsetzen zu können, sobald seine Deutschkenntnisse ausreichen.

Rückkehr ist für sie keine Option, schließlich haben sie dort nichts mehr und wären an Leib und Leben bedroht. Zudem sind sie in Eisdorf heimisch geworden, wollen hier nicht wieder weg. Daher haben sie einen Anwalt eingeschaltet, der ihnen helfen soll, die Abschiebung noch einmal prüfen zu lassen. Das gibt ihnen noch ein wenig Zeit, kostet aber auch eine Menge Geld, das sie nur schwer aufbringen können.

Auch im Dorf wollen viele, dass sie bleiben. Von ihren Vermietern initiiert gibt es eine Unterschriftenliste, auf der sich schon mehr als 100 Personen für ein Bleiberecht ausgesprochen haben. „Sie sind sind uns ans Herz gewachsen“, sagt die Vermieterin Elsbeth Lewin, gerade diese Familie habe es  nicht verdient, ausgewiesen zu werden. Auch Pastor Wolfgang Teicke unterstützt die Aktion, sowohl persönlich wie auch mit der gesamten Kirchengemeinde. „Die Familie hat sich sehr schnell integriert“, stellt er fest, sie auszuweisen wäre ein Fehler.

Der 15-jährige Hassan hat immer noch Freunde in Bagdad, weiß also um die Lage dort bestens Bescheid und bekommt über WhatsApp immer wieder auch schreckliche Fotos, die das ganze Ausmaß des Leides dort zeigen. Fotos, die auch in den Nachrichten nicht gezeigt werden, Fotos, die   auch die Journalisten beim Eseltreiber erschütterten. Die Bilder, sagt Hassan, erträgt er,

Christian Dolle