Herzberg, 4. November 2015

Nachricht

Schleichend vom Heilmittel zum Krankmacher

Fachtag Medikamentenabhängigkeit brachte den Teilnehmern hilfreiche Impulse

Prof. Dr. Dr. Ursula Havemann-Reinecke aus Göttingen hielt den Eingangsvortrag. Bild: Christian Dolle


Auch Kokain wurde anfangs als Medikament genutzt, genau wie zahlreiche andere Medikamente auch, deren Missbrauchspotenzial häufig unterschätzt wird. Mit dieser These stieg Prof. Dr. Dr. Ursula Havemann-Reinecke in ihren Vortrag beim Fachtag Medikamentenabhängigkeit der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Harzer Land ein. Zuvor begrüßte Ingrid Baum, Leiterin der Fachstelle, zahlreiche Ärzte, Apotheker, Altenpfleger und weitere Teilnehmer aus dem Gesundheitswesen in der Cafeteria der Helios-Klinik in Herzberg, die gerne mehr zu diesem häufig unterschätzten Thema erfahren wollten.
„Wir können froh sein, dass uns Medikamente zur Verfügung stehen, die uns unsere Schmerzen nehmen oder sie lindern“, machte Baum deutlich, „Wird jedoch bei der Indikation und der Dosierung ungenau oder fehlerhaft vorgegangen, kann das fatale Folgen haben. Dann können Medikamente sich unbemerkt in einem schleichenden Prozess vom Heilmittel zum Krankmacher wandeln.“ Nach Grußworten von Klinikgeschäftsführerin Alice Börgel und Superintendent Volkmar Keil, die beide betonten, welche Bedeutung sie diesem Fachtag beimessen, ging die Referentin Prof. Dr. Dr. Havemann-Reinecke sehr schnell in die Tiefe dieses komplexen Themas.
Natürlich bedürfe es mehrerer Faktoren, um von einer Abhängigkeit zu sprechen, führte die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen aus, doch treffe diese Diagnose auf etwa 1,5 bis 2 Millionen Menschen in Deutschland zu. In den meisten Fällen beziehe sich die Medikamenten- abhängigkeit auf Benzodiazepine, also Schlafmittel bzw. Tranquilizer. Sie hätten ein hohes Abhängigkeitspotenzial, was durch den oft unreflektierten Vertrieb über das Internet zu einem großen Problem werden könne. Schließlich hätten alle gängigen Präparate neben den erwünschten auch unerwünschte Wirkungen, wozu Depressionen, Wahrnehmungs-störungen, eine Beeinflussung des Urteilsvermögens oder eine Beeinträchtigung der Verkehrs- und Arbeitstauglichkeit sowie vieles mehr zählen können. Da die Halbwertzeit der Wirkstoffe oft deutlich über der Spanne zur nächsten Einnahme liegt, komme es bei vielen Konsumenten zu einer Akkumulation, die die gesundheitsschädlichen Auswirkungen verstärkt und schließlich eine qualifizierte Entzugsbehandlung erfordert.
Nach den Ausführungen der Fachpharmakologin und Medizinerin gab es einen weiteren Vortrag von Andreas Kutschke, Pflegewissenschaftler und Gesundheits- und Krankenpfleger für geriatrische Rehabilitation aus Krefeld sowie zwei Workshops zum Umgang mit Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit in der Pflege mit Andreas Kutschke sowie zur Problematik von Schmerz- und Schlafstörungen in der Behandlung von Dr. med. Sabine Radtke, Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Bad Sachsa, die die Fachstelle schon seit vielen Jahren unterstützt.Insgesamt wurde mit dem Fachtag die von Ingrid Baum so betitelte „stille Sucht“ intensiv beleuchtet und die Teilnehmer nicht nur für das Thema sensibilisiert, sondern mit hilfreichem Fachwissen sowie Strategien ausgestattet, wie Betroffenen geholfen werden kann. Superintendent Keil hatte zu Beginn einen „gewinnbringenden Tag“ gewünscht, was für viele Zuhörer eindeutig zutraf.

Öffentlichtskeitsbeauftragter des Kirchenkreises Harzer Land Christian Dolle
 
Bild:Christian Dolle

Ingrid Baum begrüßte am Mittwoch zum Fachtag zum Thema Medikamentenabhängigkei

Bild:Christian Dolle

Für die Teilnehmer gab es nützliches Fachwissen

Bild: Christian Dolle

Zur Einstimmung gab es einen Song.