Osterode, 26. August 2015

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Eine Gebrauchsanleitung für Deutschland geben

Ehrenamtliche Paten helfen Flüchtlingen beim Neuanfang in Deutschland

Bild:Christian Dolle

Noch größer als die Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen ist die Hilfsbereitschaft der Deutschen. Viele wollen sich engagieren und den Menschen, die größtenteils unvorstellbares Leid erlebten, hier einen Neuanfang ermöglichen. Doch Hilfe muss koordiniert werden, damit sie wirksam ist. Dafür zuständig sind in Osterode Ute und Horst Augat sowie Brigitte und Loukas Maniatis. Sie betreuen die etwa 60 Ehrenamtlichen, die sich in Stadt und Umland für die Integration von Flüchtlingen engagieren, koordinieren die Patenschaften und sind erste Ansprechpartner bei vielen Problemen. „Als wir in Äthiopien lebten, fanden wir uns dort nur zurecht, weil es Einheimische gab, die uns bildlich gesprochen an die Hand nahmen und uns auf den ersten Wegen begleiteten“, erzählt Brigitte Maniatis. Da ihr Sohn in Damaskus studierte, haben Ute und Horst Augat die Bilder vom Krieg in Syrien schon immer besonders bewegt. Um der Gesellschaft etwas zurückzugeben haben sich beide Ehepaare als Paten für zugezogene Familien engagiert und als Klaus-Peter Kieslich sein Ehrenamt als Koordinator für die Helfer für mehr als 200 Migranten aufgab, übernahmen sie es gerne. „Wir sind jetzt die Bürokraten der Hilfe“, beschreibt es Loukas Maniatis scherzhaft. Nicht sie sollten für ihr Engagement gelobt werden, machen alle vier deutlich, sondern all die Ehrenamtlichen, die sich zur von der Stadt bzw. Stadtoberamtsrat Wieland Mücke initiierten ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe zusammengefunden haben. Denn auf die Paten kommen vielerlei Aufgaben zu, angefangen von der Begleitung bei Behörden-besuchen über Hausaufgabenhilfe für Kinder bis hin zur Kontaktaufnahme zu Vereinen oder Kirchen.Oft muss man sich anfangs mit Händen und Füßen verständigen“, erläutert Ute Augat, „oder eben mit Hilfe des Smartphones,mit dem entweder jemand angerufen wird, der englisch spricht, oder auf dem eine Übersetzungs-App weiterhilft.“ Dass so viele Flüchtlinge ein Handy haben, ist nämlich keinesfalls ein Zeichen von Luxus, sondern während der Flucht und auch später schlichtweg überlebenswichtig. Von diesen ersten Begegnungen an nimmt das Sprachtraining einen großen Teil ein, was nicht zwingend heißt, dass die Paten unbedingt die Muttersprache der Flüchtlinge beherrschen müssen. Dazu zählt die Anmeldung zu einem Deutschkurs ebenso wie die Kinderbetreuung während der Kurse. „Und manchmal sitzen wir bei einem Eis auf dem Kornmarkt und unterhalten uns über das, was wir sehen“, beschreibt Brigitte Maniatis eine jener vielen Situationen, in denen Sprache einfach bei Alltagstätigkeiten trainiert wird, so dass es beiden Seiten Spaß macht. Oft ist es auch eine Aufgabe der Paten, das Wunschdenken zu bremsen. „Manche kommen leider mit der Vorstellung her, dass es hier alles im Überfluss gibt“, sagt Horst Augat. Mit der Zeit passt sich dieses Bild von Deutschland dann der Realität an, jener Realität, in der den Familien gezeigt wird, wo in Osterode die Tafel zu finden ist oder wie man hierzulande den Müll trennt. Nicht selten wird über Lautstärke gesprochen und darüber, dass es hier im Gegensatz zu vielen südlicheren Ländern nicht üblich ist, am Abend mit Familie, Nachbarn und Freunden noch vorm Haus zusammenzusitzen. „Ich glaube, Deutschland ist das Land auf der Welt mit dem extremsten Ruhebedürfnis“, kommentiert Loukas Maniatis. Was uns als selbstverständlich erscheint, ist es noch lange nicht für Menschen, die Krieg und Todesangst aus ihrer Heimat vertrieben hat. Daraus resultiert bei vielen Flüchtlingen ein großes Misstrauen und nicht wenige sind traumatisiert, was das Eingewöhnen in einen anderen Kulturkreis nicht gerade leichter macht. Gleiches gilt für die Paten, denen die Koordinatoren daher raten, immer auch eine Distanz zu den Schicksalen ihrer Familien zu wahren und nicht alles an sich heranzulassen. Schließlich wollen sie die neuen Mitbürger ein Stück weit begleiten, ihnen den Start in ein neues, selbstbestimmtes Leben erleichtern und müssen irgendwann auch loslassen können.
 

Christian Dolle