Friedland, 27. August 2015

Nachricht

Momentaufnahme aus der überfüllten Erstaufnahmestelle in Friedland

Jeder hier ist am Limit

Großer Medienrummel im Grenzdurchgangslager Friedland. Bundesinnenminister Thomas de Maizière, SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Oppermann und Staatssekretär des Niedersächsischen Innenministeriums Stephan Manke sind zu Gast, um sich die Erstaufnahmestelle anzusehen und ein Statement zur aktuellen Flüchtlingspolitik abzugeben. Sie sehen vor allem Journalisten, Fotografen und Kameraleute, dazwischen einige der Bewohner, die neugierig sind, warum hier heute so viel Trubel herrscht.

Viele von ihnen haben bis eben noch auf einer der vielen Matratzen geschlafen, die überall in den Fluren liegen, wo eben noch Platz ist. Mit derzeit 2400 Flüchtlingen und weiteren 600 ausgelagerten Bewohnern ist die für 700 Menschen konzipierte Einrichtung, die nach dem Zweiten Weltkrieg für vertriebene Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten errichtet wurde, hoffnungslos überfüllt. Die meisten nehmen es gelassen, immerhin sind sie Krieg und Verfolgung entkommen und müssen außerdem nicht ewig hierbleiben.

Eine Gruppe Iraker versucht sogar der jetzigen Situation etwas Positives abzugewinnen und erklärt, so haben sie mehr Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen. Die sind nämlich bei einem Neuanfang im fremden Land besonders wichtig. „Aber wir Iraker schließen Freundschaft mit Irakern und Syrer mit Syrern“, erläutern sie. Zwischen den verschiedenen Nationalitäten komme es schon hin und wieder zu Streitigkeiten, schließlich bedeuten die Ungewissheit, die Enge und nicht zuletzt auch die Langeweile, die das quälende Warten mit sich bringt, für jeden hier besondere Anspannung.

Als die Flüchtlinge von den Plänen hören, dass in Osterode eine weitere Aufnahmestelle entstehen soll, halten sie das für eine gute Idee. Immerhin müssten sie gleich wieder stundenlang an der Ausgabe für das Mittagessen stehen, da dort zu wenig Personal ist und die wenigen Mitarbeiter völlig überlastet seien.

Die Erstaufnahmestelle in der ehemaligen Rommel-Kaserne wünscht sich auch der Göttinger Landrat Bernhard Reuter, der zu diesem Termin ebenfalls anwesend ist. Er sieht es als Chance für Osterode und vor allem als Entlastung für Friedland. „Hier sind momentan viele Flüchtlinge in Schulen untergebracht. Das ist eine Notsituation und wir stehen in der Verantwortung zu helfen“, so Reuter. Allerdings müsse gewährleistet sein, dass die Menschen in Osterode und überall sonst gut untergebracht sind und gut betreut werden. Dazu bedürfe es eines erfahrenen Betreibers.

Erfahren sind in Friedland auch die Mitarbeiterinnen im Büro der evangelischen Lagerkapelle. Sie gehören wie Lagerpastor Martin Steinberg dem diakonischen Werk Hannover an und kümmern sich um soziale Arbeit, Bildungsberatung, die zweimal wöchentlich stattfindenden Andachten in mehreren Sprachen und vieles mehr. Für den Pastor und einen Diakon nimmt die Seelsorge großen Raum ein, wo vieles zur Sprache kommt, was sich Außenstehende kaum vorstellen können. „Jeder hier ist am Limit, auch die Kollegen müssen immer öfter jemandem ihr Herz ausschütten“, erzählen sie. Dennoch machen sie ihre Arbeit gern. Zudem haben sie aus ihrem Fenster einen Logenplatz als die hohen Politiker nach ihrem Rundgang vor die Presse treten.

„Wir brauchen mehr Erstaufnahmestellen“, stellt der ehemalige Goslarer Landrat Manke nachdrücklich fest. De Maizière zeigt sich empört über die Ausschreitungen in anderen Teilen Deutschlands, hält aber fest: „das ist nicht die Mehrheit.“ Und Oppermann, der hier seinen Wahlkreis hat, betont: „Friedland ist nicht nur eine gut funktionierende Erstaufnahmestelle, sondern seit vielen Jahren auch ein Symbol für die Hilfsbereitschaft in Deutschland.“ Dass sich hier auf den überfüllten Fluren und in den Sälen schnell etwas ändern muss, darin sind sich alle einig. Die Frage, warum es aber in Osterode so lange dauert, eine als ideal gepriesene Kaserne tatsächlich zur Flüchtlingsunterkunft umzugestalten, reicht de Maizière an seinen niedersächsischen Kollegen Manke weiter. Für den steht der Schuldige eindeutig fest und er erläutert: „Wenn Sie mit einem so schwierigen Eigentümer verhandeln müssen, dann kann das nun einmal sehr lange dauern.“

Ein junger Mann aus Afghanistan, der den Auftritt der Politiker und das Gewusel der Journalisten aufmerksam verfolgt hat, sagt: „Wenn ihr alle hier seid, dann setzt euch doch bitte dafür ein, dass es dort bald eine weitere Unterkunft für uns gibt.“ Er bittet auf Deutsch darum, erstaunlich flüssig zudem und erklärt dann, er habe in seiner Heimat sieben Sprachen gelernt. Jetzt hofft er auf eine Chance, seine Fähigkeiten in Deutschland irgendwie einzubringen.

Christian Dolle
 
Bild:Christian Dolle

Die Bewohner müssen eben schlafen, wo noch Platz ist

Bild:Christian Dolle

Die Friedlandglocke wurde dem Lager 1949 von Flüchtlingen gespendet

Bild:Christian Dolle

Die Politiker gaben Statements für die Presse ab