Goslar, 18. September 2015

Nachricht

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg


Die Küche von Uta Liebau in einer alten Jugendstilvilla in Goslar vermittelt Geborgenheit. Auf dem Tisch stehen Kaffee, Tee und Wasser, daneben eine Schale mit dunkelroten Kirschen. „Bedienen Sie sich“, sagt die Vorsitzende des Vereins „Leben in der Fremde e.V.“ lächelnd. Sie weiß um die heimelige Wirkung ihrer Küche, deshalb finden Gespräche mit Flüchtlingsfamilien immer hier statt. „In meiner Küche hat keiner Angst.“ Bereits 1986 wurde der Verein ins Leben gerufen. Die etwa 30 ehrenamtlichen Mitglieder setzen sich für die Ausländer- und Flüchtlingsarbeit im Landkreis Goslar ein. „So richtig aktiv sind allerdings acht“, ergänzt die 61-Jährige. Sie helfen Flüchtlingen und anderen Mitmenschen, die als Fremde in Deutschland Startschwierigkeiten haben und daher auf Unterstützung angewiesen sind - durch Beratungen, Rechtshilfe, Betreuung und persönlichen Beistand. „Erst muss das Vertrauen gewonnen werden. Dann gehen wir auch mit in die Schulen oder nach Hause.“ Da die Kommunen kein Geld haben und keine Sozialarbeiter stellen können, wäre die Flüchtlingshilfe ohne Ehrenamtliche undenkbar. „Es geht nur über die vielen Menschen, die sich einsetzen wollen – aber die müssen dann auch gehört werden“, findet Liebau. Sie wünscht sich als Kirchenvorstandsmitglied in ihrer Gemeinde außerdem, dass die Kirche mehr Initiative ergreift. „Statt auf engstem Raum in Zelten schlafen zu müssen, sollten lieber die Gemeinderäume genutzt werden. Kirche kann da viel mehr machen und sollte von sich aus aktiv in den Kommunen mithelfen.“ Liebau geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn wir so viel über Nächstenliebe reden, müssen wir auch handeln und zusammenrücken. Kirche muss glaubwürdig bleiben.“ Die Goslarin ist außerdem der Meinung, dass die Unterbringung von Flüchtlingen auf engstem Raum in überfüllten Unterkünften nicht sein müsste. Sie sieht die Politiker in der Pflicht, stärker Stellung zu beziehen. „Deutschlandweit und besonders in unserer Region steht so viel Wohnraum leer. Deshalb plädiere ich dafür, Flüchtlinge dezentral unterzubringen – nur so kann eine Integration stattfinden.“ Der Verein habe mit der Einstellung „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ schon viel bewirken können. „Meistens habe ich mit Abschiebe-Fällen zu tun. Mit Gesprächen und teilweise auch Unterschriften-Aktionen konnten wir bisher noch jede Abschiebung verhindern“,  so die Bilanz von Uta Liebau. „Wir brauchen dringend junge Leute und Fachkräfte – warum schieben wir sie ab?“, fragt sich die Theologin und dreifache Mutter, die sich ehrenamtlich und in Vollzeit für den Verein Leben in der Fremde und das Schicksal der zahlreichen Flüchtlinge einsetzt. Beeindruckt ist sie davon, wie gut die Integration in manchen Dörfern funktioniert. „Da hilft die ganze Dorfgemeinschaft, holt die Flüchtlingsfamilien mit dem Bulli vom Bahnhof ab, stellt ihnen die Nachbarn vor und setzt die Kinder zum Fußballspielen auf dem Sportplatz ab.“ Denn deutsche Kontakte seien für die Asylsuchenden viel wichtiger als ein Lebensmittelladen vor Ort. Um ein Zeichen zu setzen, beteiligt sich die Stadt Goslar an der Interkulturellen Woche, die seit 1975 jährlich Ende September in vielen Städten und Gemeinden bundesweit  veranstaltet wird – in Goslar 2015 unter dem Motto: „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt.“ Schirmherr ist diesmal Landrat Thomas Brych, Ansprechpartnerin Uta Liebau, Tel. 05321/43769. Das bundesweite Programm ist unter www.interkulturelle-woche.de zu finden. 

 

Die Aktionen in Goslar:

Samstag, 19. September, 10 bis 12 Uhr: Syrischer Treff, Syrer laden zu einem arabischen Kaffee ein und erzählen über ihr Land, Ort: Caritasverband, Lindenplan 18, Goslar

Samstag, 19., September, 11 bis 15 Uhr: Hoffest des Kinder- und Jugendprojektes „Come In“, Spiele-Angebote für Grundschulkinder – offen für Gäste. Anmeldung erbeten unter Tel. 05321/394256, Ort: Jugendzentrum B6, Heinrich-Pieper-Str. 1c, Goslar

Freitag, 25. September, 19 Uhr: „Show der Nationen – Mein Oker der Zukunft“. In einer bunten Show bringen 50 Jugendliche ihre Version von einem lebendigen Miteinander auf die Bühne. Ort: Adolf-Grimme-Gesamtschule, Bei der Eiche, Oker

Samstag, 26. September, 15 bis 18 Uhr: „Interkulturelles Fest“ mit Tanzgruppen und internationalen Speisen, Ort: Bürgersaal, Jacobsonplatz 1, Seesen

Montag, 28. September, 13 bis 17 Uhr: Verschiedene Länder in Goslar, Goslarer Bürger präsentieren ihre Heimat mit Bildern, Erzählungen und Spezialitäten. Ort: Deutsche Angestellten-Akademie GmbH, Odermarkplatz 1, Goslar

Dienstag,29. September, 18 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst, Kath. Und Ev. Kirchengemeinden Goslar, Ort: Jakobikirche Goslar

Mittwoch, 30. September, 18 Uhr: Theaterstück 2 x Heimat, Ort: Forum des Schulzentrums Goldene Aue, Bornhardtstraße 16, Goslar

Donnerstag, 1. Oktober, 19 Uhr: Kultur macht stark – aber woher kommt das Geld? Infoabend über ein Förderprogramm kultureller Jugendbildung, Ort: Kreishaus, Kreistagssaal, Klubgartenstraße  6, Goslar

Freitag, 2. Oktober, 19 Uhr: Tausendfacher Tod im Mittelmeer, Vortrag von Arian Schiffer-Nasserie über „Die Verantwortung Deutschlands und der EU für die Flüchtlingsströme in der Welt“, Ort: Amsdorfhaus, Dorothea-Borchers-Str. 14, Goslar

Samstag, 3. Oktober, ab 14 Uhr: Stadtführungen in verschiedenen Sprachen: Albanisch, Arabisch, Türkisch und Deutsch. Ende ca. 16 Uhr in der Moschee Frankenberger Straße. Ort: Marktplatz – Marktbrunnen, Goslar

Montag, 5. Oktober,  19 Uhr: Texte aus Koran und Bibel, Ort: Moschee Oker, Talstraße 15a-16, Oker

Dienstag, 6. Oktober, 15 Uhr: Führung durch die Stadtbibliothek für Erwachsene und Kinder aus anderen Ländern, Ort: Stadtbibliothek, Marktstr. 1, Goslar

Dienstag, 6. Oktober, 19 Uhr: „Kaddisch für einen Freund“, Kinofilm von Leo Khasin, Ort: Gemeindesaal der Frankenberger Gemeinde, Frankenberger Plan 4, Goslar

Mittwoch, 7. Oktober, 16 bis 19 Uhr: Fest der Begegnung mit vielfältigem Programm, Ort: AWO, Bäringer Straße 34/25, Goslar

Samstag, 10. Oktober, 14 bis 16 Uhr: Kostenloses Styling für Flüchtlingsfrauen, Anmeldung unbedingt erforderlich unter Tel. 05321/24449, Ort: Dönch Haardesign, Breite Straße 2, Goslar

Mareike Koch
 

Flüchtlingshilfe und Integration

Bild: Mareike Koch

Uta Liebau, Vorsitzende des Vereins: Leben in der Fremde e.V.