Kirchenkreis Harzer Land, 21. März 2016

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Deutliche Worte zur Flüchtlingskrise

Hamed Abdel-Samad sieht Säkularisierung als einzigen Weg für die arabische Welt

Das Buch bietet mehr Denkanstöße und Reibungspunkte zur Flüchtlingskrise als manch deutlich umfassenderes Werk. Foto: Christian Dolle

Das Fernsehen, die Zeitungen, das Internet, in allen Medien wird immer wieder über die Flüchtlingskrise debattiert. Leider bringt uns all das de facto nicht weiter. Meist sind es – aus welcher Ecke auch immer sie kommen – einseitige, festgefügte Meinungen, deren Argumente in einer schier unerträglichen Endlosschleife wiederholt werden. Eine der wohltuenden Ausnahmen ist das Buch von Hamed Abdel-Samad und Hans Rath.

„Ein Araber und ein Deutscher müssen reden“, heißt es, und genau das tun beide in Form von E-Mails, die eigentlich bloß die Vorarbeit zu einem gemeinsamen Buchprojekt darstellen sollten. Zum großen Glück für die Leser schreiben beide darin so unverbraucht, so differenziert, so politisch unkorrekt, dass dieses kleine, gerade einmal 120 Seiten dicke Büchlein tatsächlich mehr Denkanstöße und auch Reibungspunkte bietet als viele Polittalkshows, Essays und Leitartikel zusammen.

Der aus Ägypten stammende Politik- und Islamwissenschaftler Hamed Abdel-Samad bewies schon bei mehreren Veranstaltungen im Harzer Land, wo er sich seinerzeit zu Chancen und Gefahren des Arabischen Frühlings äußerte, was für ein brillanter Analyst und streitbarer Kritiker er ist. Hans Rath ist eigentlich Unterhaltungsautor, erweist sich hier aber als hervorragender Gegenpart und geschliffen argumentierender Diskussionspartner.

Er karikiert die überwiegend männlichen Pegida-Anhänger als Maulhelden, die zuhause nichts zu melden haben, zeichnet ein Bild der Deutschen, die sich viel zu sehr von Ängsten treiben lassen, und sieht die christlichen Kirchen in der Pflicht, einige dieser Ängste in der Flüchtlingskrise aufzufangen. Vor allem aber lockt er seinen „aufbrausenden arabischen Freund“ aus der Reserve und stellt ihm die richtigen Fragen, um dem Kern der Flüchtlingsthematik und auch dem Weg, wie Muslimen die Integration in Deutschland gelingen kann, auf die Spur zu kommen.

Den Weg zur Lösung vieler Probleme in der arabischen Welt sieht Abdel-Samad im Wandel vom politischen zum privaten Islam, also der strikten Trennung von Religion und Staat. Im Grunde also jener Weg, den Superintendent Volkmar Keil kürzlich in  seinem vielbeachteten Vortrag dem christlichen Abendland zuschrieb. Nur setzt Abdel-Samad die Säkularisierung beim Christentum schon deutlich früher an. „Das Christentum musste nach Jesus drei Jahrhunderte lang als eine verfolgte Minderheit in unterschiedlichen Reichen leben. Aus dem Bewusstsein des Verfolgten heraus war es keine große Kunst, sich zum Säkularismus zu bekennen“, schreibt er.

„Erst die Vermischung von Religion und Machtpolitik machte das Christentum zu einem Global Player, aber auch zu einer Last für sich selbst“, deutet er und zieht eine Parallele zum heutigen Islam in vielen Staaten. Das müsse in der arabischen Welt – genau wie 500 Jahre zuvor in Europa – aufgebrochen werden. „Deshalb begann Martin Luther seine Reformation mit der Aufforderung, zu der reinen Lehre Jesu und zum Wort des Evangeliums zurückzukehren.“

Seine Thesen sind teils äußerst provokant formuliert, teils schwer verdaulich. Wenig verwunderlich für einen Mann, dessen distanzierte Auseinandersetzung mit dem Islam ihm Morddrohungen einbrachten. Doch gerade hier zeigt sich die besondere Stärke beider Autoren. Auch wenn sie selbst ihre Korrespondenz als Schlagabtausch bezeichnen, so ist sie immer von gegenseitigem Zuhören und Eingehen auf die Aussagen des anderen und vor allem der nötigen Prise Humor und Selbstironie geprägt. Somit zeigen sie ganz nebenbei, wie gleichermaßen ernsthaft, schonungslos offen und doch besonnen und respektvoll Diskussionen in Staat und Kirche geführt werden sollten.

 

Christian Dolle, Öffentlichtskeitsbeauftragter des Kirchenkreises Harzer
 
Vor ein paar Jahren war Hamed Abdel-Samad in Bad Sachsa zu Gast. Archivfoto: Christian Dolle