St. Andreasberg, 5. April 2016

Nachricht

Weitere Nutzung der Rehberg-Klinik noch ungewiss

Ein Einblick in die Flüchtlingsunterkunft in St. Andreasberg

Monika Wildner erklärt, wie man mit einer Nähmaschine umgeht. Foto: Mareike Koch

„Wir sind hier nicht im Feenland – das ist ein Rollfahrtkommando“, wird mir von der Seite zugerufen.“ Ich sortiere noch die Schals und Tücher, da geht die Kleiderausgabe in der Notunterkunft in St. Andreasberg auch schon los. In kleine Gruppen sind die Geflüchteten eingeteilt, die noch dringend Kleidung und Schuhe benötigen. Im Hintergrund ist alles geordnet: Nach Kinder-, Damen- und Herrenkleidung verschiedenster Größe. Die Kleidung wird über Tresen ausgegeben. Auch Schuhe sind sehr gefragt, vor allem Stiefel. „Manche kommen hierher mit nichts als Flipflops“, erzählt mir eine Mitarbeiterin. Sie hätte schon die schlimmsten Blasen gesehen. „Wir lassen dann natürlich erstmal die Wunden versorgen. Solche Erlebnisse bedrücken schon sehr. Was müssen diese Menschen durchgemacht haben?“ Das geht auch mir durch den Kopf, als eine Mutter mit ihren beiden Kindern vor mir steht. Sie hätten gerne Winterstiefel, tragen in ihren Hausschuhen aber noch nicht einmal Strümpfe. Also fangen wir da an. „Diese, 36?“, versucht sie mir verstehen zu geben, welche Schuhe ihrer Tochter passen könnten. Und siehe da: Sie sitzen wie angegossen. Oben im Erdgeschoss wird gerade das Mittagessen ausgegeben. Auch hier herrscht Hektik. Allerdings geordnete. Das ehrenamtliche Team hinter dem Tresen besteht aus vier Helfern. Alle wissen genau was sie zu tun haben.

Szenenwechsel. Ein anderer Tag in der Rehberg-Klinik, vier Monate später: Heute wird das Nähzimmer in der Flüchtlingsunterkunft eröffnet. Naja, einen Probelauf gab es bereits. Drei defekte Nähmaschinen wurden noch ausgebessert. Heute läuft alles. Monika Wildner aus Barbis, die sich ehrenamtlich in der Notunterkunft engagiert, hatte die Idee zu diesem Angebot. „Kinderkleidung fehlte, alles Vorhandene war zu groß, die Mütter hatten keine Taschen, um unterwegs das Fläschchen und Spielzeug ihrer Kinder zu verstauen. Es war fast nichts da“, schildert die passionierte Hobbynäherin. Nun wurde Abhilfe geschaffen. Zusammen mit ihrer Schwester Gerda Wehland und Patricia Kunze, beide aus St. Andreasberg, wird drei Mal die Woche Nähen angeboten. Montags unter Anleitung von Monika Wildner, dienstags und donnerstags ohne Anleitung.  „Nun kann die gespendete Kleidung selbst geändert, gekürzt und ausgebessert werden. Wir nähen gemeinsam Kleider, Schlafanzughosen, Leggins und Taschen“, freut sich das Team. Unter den Geflüchteten gibt es einen gelernten Schneider, der ebenfalls mithilft: Samir Alkurdi aus Syrien. Dennoch würde sich Monika Wildner über weitere Hilfe sehr freuen. Auch Stoffe, Nähmaterial, Wolle und Scheren werden noch benötigt, denn der Ansturm an den zehn gestifteten Nähmaschinen ist groß. „Schön wäre es, wenn die Helfer etwas nähen könnten“, fügt sie hinzu. Sie hat zudem eine „Betterplace-Aktion“ gestartet, da in der Rehberg-Klinik weiterhin dringend Kleidung für Kinder und auch Schuhe benötigt werden: https://www.betterplace.org/de/projects/37937-spende-fur-schuhe-und-kinderhosen-fur-fluchtlinge. Eine weitere Möglichkeit, direkt zu helfen, besteht über die Kirchengemeinde St. Martini. Es wurde folgendes Spendenkonto für Kleidung für die Flüchtlinge in Sankt Andreasberg eingerichtet: Sparkasse Goslar, IBAN: DE2526 8500 0100 0000 9746, BIC: NOLADE21GSL, Ev.-luth. Kirchengemeinde Sankt Andreasberg, Zweck: Kleidung für Flüchtlinge (Zweck bitte unbedingt angeben).

In der Rehberg-Klinik, die seit Oktober 2015 vom Arbeiter-Samariter-Bund als Flüchtlingseinrichtung geführt wird, sind derzeit unter 300 Geflüchtete untergebracht. Zu Beginn waren es etwa 1500. „Da momentan die Zahlen der ankommenden Flüchtlinge in Niedersachsen stark zurückgegangen sind, ist nicht damit zu rechnen, dass kurzfristig eine größere Zahl von Flüchtlingen in St. Andreasberg untergebracht wird. Weiterhin läuft die Umverteilung in Kommunen“, erklärt dazu Holger Rathjens von der Zentralstelle Flüchtlingsunterbringung des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres und Sport. Wie es mit der Nutzung der Rehberg-Klinik ab dem Sommer weitergehe, sei noch ungewiss: „Der Betreibervertrag mit dem ASB ist noch nicht abgeschlossen, befindet sich aber auf dem Weg. Zu Einzelheiten der vertraglichen Gestaltung können wir daher noch keine Auskünfte geben, da aktuell auch weiter an einer Gesamtkonzeption der Unterbringung von Flüchtlingen durch das Land Niedersachsen gearbeitet wird.“

Mareike Koch, Öffentlichkeitsbeauftragte des Kirchenkreises Harzer Land