Osterode, 4. Mai 2016

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Von Berührungsängsten keine Spur

Tandem-Sprachkurs Türkisch-Deutsch: Ein interkulturelles Frauenprojekt in Osterode

Einige der Teilnehmerinnen am interreligiösen Frauenprojekt zusammen mit dem Vorstandsvorsitzenden der DITIB-Gemeinde, Nazif Gülec. Foto: Mareike Koch

15 Frauen sitzen in der DITIB-Moschee in Osterode um einen großen Tisch herum. Jede hat Tee und Gebäck oder andere Süßigkeiten mitgebracht. Der intensive Duft von Thymian weht herüber, als die Frauen sich Tee einschenken. „Der kommt aus der Türkei“, wird mir erklärt. Der beste Tee, den ich bisher getrunken habe. Bereits seit 2005 treffen sich die Mitglieder der evangelischen Kreuzkirchen-Gemeinde und der türkisch-islamischen DITIB-Gemeinde regelmäßig. „Es fing mit einer gemeinsamen Wanderung an, an der zunächst eher die Männer teilnahmen“, blickt Almut Mackensen zurück. Schließlich gingen die Frauen dazu über, ein bis zwei Mal im Jahr gemeinsam zu kochen. Börek zum Beispiel, deutsche Kuchen und Manti-Taschen – mal deutsch, mal türkisch. „Schließlich kam man seitens der Kreuzkirche die Idee auf, eine Familienwanderung mit Picknick anzubieten“, erzählt Pastorin Johanna Friedlein. 2013 waren die Frauen schließlich gemeinsam mit der damaligen Bundestagsabgeordneten Viola von Cramon als interkulturelle Gruppe in Berlin. „Wir haben uns den Bundestag angesehen und im nördlichen Innenhof die Erde von der Kreuzkirche und der DITIB-Gemeinde verstreut“, berichtet Almut Mackensen. Seit September 2015 treffen sich die Frauen nun alle 14 Tage mittwochs zu einem Tandem-Sprachkurs Türkisch-Deutsch. Sie bringen sich gegenseitig Deutsch und Türkisch bei. „Unsere deutsch-türkischen Frauen waren dabei klar im Vorteil, da sie bereits so gut Deutsch sprechen können“, gibt Almut Mackensen lächelnd zu. Es wurden Verben dekliniert, die W-Fragen beantwortet, Begrüßungsformeln erlernt – und vieles mehr. Unterstützt wird das Projekt der interreligiösen Frauengruppe vom Kirchenkreis Harzer Land, der EKD, der Dr. Buhmann-Stiftung und der Evangelischen Erwachsenenbildung Südniedersachsen. „Dabei erfahren wir zum Beispiel viel über Unterschiede in den Umgangsformen und lernen, wie unterschiedlich deutsche und türkische Familien die religiösen Feste feiern“, erklärt Almut Mackensen. Schon geht es los mit Beispielen: „Meine Schwester nenne ich zum Beispiel nicht beim Vornamen, sondern übersetzt ‚große Schwester‘“, wird mir erklärt. „Und eine ältere Dame, die gerade auf dem Weg zur Moschee ist, würde ich fragen: Tante, darf ich Sie oder Dich mitnehmen? Wir sind da etwas inniger.“ Lautes Stimmengewirr geht durcheinander, überall wird untereinander gesprochen und gelacht. Von Berührungsängsten keine Spur. „Wir deutsche und die Muslime, oder andersherum – das ist kein Gegensatzpaar. Das ist uns hier schnell bewusst geworden. Wir waren ja vorher schon weltoffen und neugierig. Aber durch unsere regelmäßigen Treffen haben wir uns getraut, mehr zu fragen. Die Vertrauensbasis hat sich gewandelt“, erklären die Frauen durcheinander. Welcher Religion jemand angehöre, spiele keine Rolle. „Aber durch den Tandem-Sprachkurs sprechen wir viel über religiöse Themen. Wir Christinnen schilderten, was uns der Reformationstag bedeutet. Und von den deutsch-türkischen Frauen erfuhren wir, wie wichtig Almosen und die gegenseitigen Besuche zum Opferfest sind“, gibt Almut Mackensen ein Beispiel. Eigentlich sollte dieses besondere Sprach-Projekt mit einer gemeinsamen Reise nach Istanbul ihren Abschluss finden. „Durch die Terrorgefahr musste sie leider abgesagt werden. Aber das holen wir nach – vielleicht schon im kommenden Jahr“, wünscht sich die Gruppe. Statt der Blauen Moschee in Istanbul werde nun die Blaue Kirche in Clausthal besichtigt, erklären die Frauen mit einem Augenzwinkern.

 

Mareike Koch, Öffentlichkeitsbeauftragte des Kirchenkreises Harzer Land