St. Andreasberg, 9. Juni 2016

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Rolling Stones und freie Entscheidungen: „Eine völlig andere Generation des Älterwerdens“

Ehrenamtliches Gemeindeteam übernimmt Befragung älterer Menschen in St. Andreasberg

Für viele Ältere ist die Landschaft ein bedeutender Aspekt, den sie an St. Andreasberg schätzen. Foto: Mareike Koch

Die Bergstadt St. Andreasberg hat, wie viele andere Harzstädte auch, ein Demografieproblem. Bei etwa 1700 Einwohnern,  gibt es knapp 1000 Gemeindemitglieder. „Und 42 Prozent der Einwohner sind über 60“, verdeutlicht Pastor Walter Merz. Ein Supermarkt, jede Menge Cafés und Restaurants sind vor Ort – aber nur noch ein Allgemeinmediziner und ein Zahnarzt. Weitere Fachärzte? Fehlanzeige. Den älteren Bewohnern machen oftmals die harten Winter und steilen Straßen zu schaffen. Ohne Auto ist die Mobilität stark eingeschränkt. Regelmäßige Gemeindeveranstaltungen in St. Martini sind der monatliche Gemeindenachmittag im Wechsel mit der katholischen Gemeinde, das Kochen für Jung und Alt alle 14 Tage, jeden dritten Mittwoch im Monat die Frühstücksrunde, jeden Dienstag die Singgemeinschaft, alle 14 Tage Klöppeln, der wöchentliche Bastel- und Handarbeitskreis und ein Besuchsdienstkreis. „Alle Angebote, die wir vorhalten, werden gut angenommen. Aber was wünschen sich die älteren Bewohner darüber hinaus?“, fragt sich nicht nur der Pastor seit geraumer Zeit. Im Team mit Ute Eicke, Karin Kress, Frederik Kunze, Marianne Rath, Silvia Steinbach, Jutta Tieben, Gerda und Rainer Wehland sowie Ute Petzold (Altenau) hat er eine Befragung der älteren Bewohner vorgenommen. Von Jürgen Maier aus Darmstadt, Fachmann für soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, erhielten die Ehrenamtlichen an zwei Samstagen eine Fortbildung. Erste Experteninterviews mit dem Bürgermeister, dem Ortsvorsteher, DRK, Diakoniestation und weiteren Ansprechpartnern vor Ort liegen hinter ihnen. Insgesamt wurden zudem 50 Bürger zwischen 60 und etwa 100 Jahren befragt. Die Interviews wurden zu zweit und nach vorheriger Anmeldung geführt. Wer Interesse hat und in die Zielgruppe passt, kann sich aber auch gerne noch bei der Gemeinde melden.

„Wir haben uns einen Einblick davon erhofft, was die Menschen vor Ort im Alter bewegt. Warum zieht manch einer im Alter in die Großstadt, ein anderer kommt extra zum Altwerden hierher? Was muss sich ändern? Welche Angebote braucht St. Andreasberg? Und welche Ideen gibt es?“, stellt Pastor Walter Merz, der für die Seniorenarbeit in der Harzregion zuständig ist, einige Fragen in den Raum. Erste Ergebnisse stehen bereits fest: Was macht das Leben für ältere Menschen in Sankt Andreasberg attraktiv? An erster Stelle wurde hier das Leben in einer schönen Natur mit guter Luft genannt. Als nächstes folgte das Wohnen in einer intakten und hilfsbereiten Nachbarschaft. Viele sagten weiterhin: „Sankt Andreasberg ist meine Heimat.“ Schwierig wird das Leben für ältere Menschen in Sankt Andreasberg im Winter. Neben den glatten und steilen Stra­ßen stellt das Schneeräumen für die Älteren ein nicht zu unterschätzendes Hindernis dar. Viele klagen über die mangelnde Mobilität im Alter. Wie kommt man zum Ein­kaufen und zum Facharzt, wenn man nicht mehr in der Lage ist, selbst mit dem Auto zu fahren ­– das ist die Frage älterer Menschen. Hier soll gezielt weitergefragt werden. Bis nach den Sommerferien wird ein standardisier­ter Fragebogen entwickelt, mit dem das Thema „Mobi­lität“ noch genauer erforscht werden soll.

„Wir gehen auf eine völlig andere Generation des Älterwerdens zu. Die jetzt 60- bis 65-Jährigen sind mit den Rolling Stones groß geworden, sind es gewohnt, über ihr Leben frei zu entscheiden und sich für das, was sie wollen, zu engagieren“, so Merz. Sein Ansinnen ist es, mit Hilfe der Befragung viele wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln, die auch anderen Gemeinden zugutekommen. „Vielleicht können wir als Beispiel fungieren – machen Sie mit!“, wirbt der Pastor zur Teilnahme. Weitere Infos unter: Tel. 05582/1538 oder kg.st.andreasberg@evlka.de.

Mareike Spillner, Öffentlichkeitsbeauftragte des Kirchenkreises Harzer Land
 
Im Winter machen Schneefall, vereiste Straßen und Gehweg besonders den Älteren zu schaffen. Foto: Mareike Koch