Altenau, 17. Juni 2016

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Reformationsjubiläum 2017 – was feiern wir da eigentlich?

Aus dem Kirchenkreistag: Vortrag von Landessuperintendent Eckhard Gorka

Ingrid Baum überreichte Landessuperintendent Eckhard Gorka ein Präsent aus dem Harz. Foto: Mareike Spillner

Mal keine Beschlüsse, Regelungen und meterlange Zahlenwerke: Die Kirchenkreistagssitzung am Freitag – ausnahmsweise mal im Kurgastzentrum in Altenau stattfindend – war diesmal geprägt von den Gospelklängen der St. Nikolai Gospel Singers, einer kleinen musikalischen Andacht und einem Vortrag des Landessuperintendenten Eckhard Gorka zum viel diskutierten Reformationsjubiläum 2017. „Was feiern wir da eigentlich?“ warf er die Frage in den Raum, in der ja einiges mitschwingen könne. Zum Beispiel das Empfinden, dass die eigene Gemeinde mit ihrer Handvoll Ehren- und Hauptamtlichen, mit dem, was sowieso anliege, schon genug gefordert sei. Auch ohne die Anforderungen eines 500-jährigen Jubiläums. Außerdem verweise die eingangs gestellte Frage noch auf folgende Verlegenheit: Könne man das, was der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann „die traumatische Urerfahrung“ und „den Geburtsschock evangelischen Christentums“ nennt – die Spaltung der Kirche vor 500 Jahren – überhaupt feiern? Noch dazu komme, dass der Reformator Luther kein Unschuldslamm gewesen sei, sondern eher sprachlich ein Anhänger des „spätmittelalterlichen Grobianismus bis hin zu Vergleichen mit Sauen“ – Zitat Ende – der auch vor antisemitischen Äußerungen keinen Halt machte. „Aber bedenken Sie: Wir feiern hier keinen Heiligen – nie wieder! Das ist ein Mensch wie Sie und ich“, gab Eckhard Gorka zu bedenken, bevor er eine Art Regieanweisung Luthers mit auf den Weg gab: „Wir feiern das Reformationsjubiläum am besten so, dass wir uns danach fragen, was es heißt, heute als Christen zu leben und zu glauben. Zugespitzt formuliert: Wir tun auch 2017 das, was wir ohnehin tun. Vielleicht nur etwas bewusster und zielgerichteter. Und ohne Grauschleier.“ Anschließend hatte Gorka fünf Punkte als Versuch formuliert, der Reformation als einer Konzentrationsbewegung hin auf das Wesentliche gerecht zu werden: 1. Die Erkenntnis, dass Jesus Christus FÜR, nicht GEGEN uns sei, also die bedingungslose Gnade Gottes.  Heute gehe es allerdings mehr um die Rechtfertigung Gottes vor den Menschen. „Die Moderne hat Gott abgeschafft. Sinn wird zum Beispiel stärker durch Arbeit generiert, nicht mehr durch den Glauben“, so Gorka. Deshalb müsste oder werde heute eigentlich die Frage gestellt: Wenn es einen liebenden Gott gibt, woher kommt dann das Böse in der Welt? Und auf diese Theodizeefrage müsse der Glaube eine Antwort geben. 2. Das Deutungsmonopol der Kirche über die Bibel sei „futsch“. Darum habe Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit alle ihr Verständnis der Texte eintragen können. „Damit müssen wir uns abfinden. Einen papierenen Papst haben wir nicht“, kommentierte der Landessuperintendent in seiner erfrischenden Art. Und ergänzte: „Die Bibel ist nicht einfach wörtlich, aber ernst zu nehmen. Sie ist verheißungsvoll – auch heute noch.“ 3. Die Gemeinde am Ort sei für die Reformation die entscheidende Größe, wenn es um die Gestalt der Kirche gehe. 4. In der Reformation sei die Gleichwertigkeit der sogenannten „Laien“ mit den Ordinierten hervorgehoben worden. „Ladet zur Taufe ein“, betonte Gorka an dieser Stelle vehement. Denn dies ebne einen besonderen Weg zum Glauben. Und 5. Der Begriff „Beruf“, in dem ja das Wort „Berufung“ mitschwinge, begegne uns bei Luther erstmals in seinem bis heute geläufigen Sinn. „Wir brauchen Räume, in denen wir uns als Christen gegenseitig ermutigen, den Glauben in das alltägliche Leben zu ziehen und das Leben in den Glauben“, schloss Gorka, bevor er den Teilnehmern des Kirchenkreistages noch drei Impulsfragen für das anschließende Gespräch mitgab. Diese Fragen gaben Anlass zum Nachdenken: Was ist für mich das Befreiende am christlichen Glauben? Wo wird in unserer Gemeinde/Kirche Gnade erlebbar? Und was wünsche ich mir für das Jahr 2017 für unsere Gemeinde? Der Landessuperintendent wurde mit lang anhaltendem Applaus bedacht.

 

Mareike Spillner, Öffentlichkeitsbeauftragte des Kirchenkreises Harzer Land