Kirchenkreis Harzer Land, 22. Juni 2016

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Fluchtgeschichte wiederholt sich

Besuch angehender Integrationslotsen im Grenzdurchgangslager und Museum Friedland

Die angehenden Integrationslotsen besuchten das Grenzdurchgangslager und Museum in Friedland. Foto: Christian Dolle

Seit weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen, wird in den Medien über das Thema nur noch selten geredet. Dabei fängt die eigentliche Integrationsarbeit gerade erst an. Jetzt nämlich gilt es, denen, die zu uns gekommen sind, die nötige Hilfestellung zu geben, um sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden. Vieles lastet dabei auf den Schultern von Ehrenamtlichen. Damit die nicht ganz auf sich allein gestellt sind, bot Pascal Simoleit im Namen des Landkreises Osterode bereits zwei Integrationslotsenschulungen an.

Dabei ging es um einige rechtliche Grundlagen des Asylverfahrens, um Sprache und Verständigung sowie um physische und psychische Belastungen, über die kompetente Referenten informierten und praktische Tipps gaben. Zudem stellten einige lokale Akteure wie der Paritätische Osterode, die Zukunftswerkstatt Herzberg oder der Kinderschutzbund Bad Lauterberg sich und ihre Hilfsangebote vor.

Den krönenden Abschluss der Schulung bildete eine Exkursion ins Grenzdurchgangslager und neueröffnete Museum Friedland. Seit 2011 ist Friedland Erstaufnahmestelle für Asylbewerber mit derzeit etwa 300 hier untergebrachten Flüchtlingen. Bei der Besichtigung des Geländes begegnen den Integrationslotsen einige davon, es ist eher ein Dorf im Dorf denn ein abgeschottetes Lager, wie man es aus manchem Fernsehbericht kennt.

Noch vor einem Jahr allerdings lebten zeitweilig mehr als 3500 Menschen hier, die Kapazitäten waren mehr als ausgeschöpft, selbst in den Fluren und auf Treppenabsätzen mussten Matratzen ausgelegt werden, um allen Schlafplätze zu bieten. Dabei ist die jüngste Flüchtlingswelle nur eine von vielen, will das im März dieses Jahres eröffnete Museum deutlich machen.

Zuerst waren es die nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die kamen. Sie wurden in Baracken und sogenannten Nissenhütten, von denen es immer noch eine zu besichtigen gibt, untergebracht und ärztlich versorgt. Mit dem Beginn des Kalten Krieges waren es Menschen aus Ländern jenseits des Eisernen Vorhangs, die in Friedland aufgenommen wurden. Ihre Flucht wurde zum Beleg der Überlegenheit des kapitalistischen gegenüber dem kommunistischen System stilisiert, sie wurden als Aussiedler definiert und mussten ihr „Deutschtum“ beweisen, um anerkannt zu werden.

Schon damals wurden in Friedland Sprachkurse angeboten, um den Menschen die Integration zu erleichtern und schon damals wurde auf den politischen Ebenen diskutiert, ob wir ein Zuwanderungsland sind oder nicht. Ähnliches wiederholte sich, als zahlreiche Boatpeople, also infolge des Vietnamkrieges Geflüchtete aus Südostasien ankamen. In Friedland spielte die Humanität immer eine größere Rolle als politische Diskussionen, nicht zuletzt, da auch die Innere Mission und die Caritas, also sowohl die evangelische wie auch die katholische Kirche sich immer stark in die Arbeit einbrachten.

Ein Ziel des Museums ist es, aufzuzeigen, dass sich Fluchtgeschichte wiederholt, dass viele der aktuellen Probleme in sehr ähnlicher Weise schon einmal oder auch mehrmals gelöst werden mussten und dass man daraus hätte sehr viel mehr lernen können. Für die Integrationslotsen war gerade dieser Aspekt ihres Besuches ein Ansporn, sich zum Wohle aller hier Ankommenden und auch jener, die mit Flüchtlingen zu tun haben, so weiterzubilden, dass nicht auch manche Fehler vergangener Jahrzehnte wiederholt werden. Ihr Anspruch ist es, Integration so leicht wie möglich zu gestalten und damit manchen, die die derzeitige Situation zu instrumentalisieren versuchen, den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Christian Dolle, Öffentlichtskeitsbeauftragter des Kirchenkreises Harzer
 
Integrationslotsen: Ihr Anspruch ist es, Integration so leicht wie möglich zu gestalten und damit manchen, die die derzeitige Situation zu instrumentalisieren versuchen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Foto: Christian Dolle