Osterode, 22. Mai 2016

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Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Gemeinsamer Gottesdienst der lutherische und der reformierten Gemeinde in St. Marien

Normalerweise predigt Pastor René Lammer in schlichterer Umgebung. Foto: Christian Dolle

Pastor René Lammer predigte am vergangenen Sonntag in der Osteroder St. Marien-Kirche. Nicht etwa, weil die Stadt mehr Pfarrstellen als Pastoren hat, sondern um zwei Wege der Reformation zueinander zu führen. René Lammer ist nämlich Pastor der reformierten Gemeinden in Northeim und Angerstein und brachte somit auch etliche Besucher aus seinen Gemeinden mit nach Osterode.

„Ich freue mich, dass mich so viele begleitet haben“, wandte er sich an die Gottesdienstbesucher, „doch wenn ich mir Sie hier so ansehe, dann ist Begleitschutz wohl gar nicht nötig.“ Ganz im Gegenteil, die Osteroder wollten nämlich gerne erfahren, was die Nachbargemeinden ausmacht.

Die evangelisch-lutherische und die evangelisch-reformierte Kirche fußen beide auf der Reformation, die eine geht auf Martin Luther, die andere auf Johannes Calvin zurück. Neben einigen theologischen Unterschieden fällt gerade im Angesicht des prächtigen Marienaltars der fehlende Prunk bei den Reformierten auf, der für sie vom Wort Gottes ablenkt. „Wenn ihre Lieblingsbücher verfilmt werden, dann sind Sie auch häufig enttäuscht“, erläuterte Pastor Lammer, „Bilder müssen im Kopf entstehen.“

Die Idee der gegenseitigen Besuche ist nun, 499 Jahre nach der Reformation, Möglichkeiten zur Begegnung zu schaffen, eine bunte Einheit herzustellen, bei der die jeweiligen Besonderheiten erhalten bleiben, wie Pastor Lammer es ausdrückte. „Es gibt viel mehr, was uns verbindet, als das, was uns trennt“, stellte er fest.

Dazu gehört beispielsweise der Zweifel im Glauben, jene Momente, in denen Christen vielleicht das Vater Unser mitsprechen, ohne sich der Bedeutung der Worte bewusst zu sein. Dabei, so die Kernaussage in Lammers Predigt, reiche es nicht aus, ein wenig Christ zu sein und unverbindlich zu bleiben. „Jesus fordert oberste Priorität in unserem Leben ein, sogar noch vorm Fußball.“

Dazu gehört wohl auch, dass nicht nach dem Gottesdienst sang- und klanglos wieder zum Alltag übergegangen wird. Zumindest an diesem Abend blieben viele noch lange beisammen, um die Idee der Begegnung mit Leben zu füllen, um sich auszutauschen und auch, um sich am kleinen, aber feinen Buffet zu stärken. Einer Fortsetzung des gemeinsamen Weges steht also auch im Hinblick auf das Reformationsjubiläum im kommenden Jahr nichts mehr im Wege.

 

Christian Dolle, Öffentlichtskeitsbeauftragter des Kirchenkreises Harzer